Datenerhebung
Die Daten, welche für die Darstellung der Ortschaften verwendet wurden, stammen aus zwei Wikipedia Listen. Eine davon dokumentiert die abgebaggerten Ortschaften in gesamt Deutschland. Die andere deckt nur das Lausitzer Braunkohlerevier ab. Die Einträge wurden mithilfe eines Scripts in eine einheitliche Tabelle umgewandelt. Teilweise wurden dabei Begrifflichkeiten vereinheitlicht. So wurden beispielsweise „abgebaggert“, „abgerissen“, „devastiert“ und „überbaggert“ als Synonyme zusammengefasst. Leider existierte zum Zeitpunkt der Datenerhebung keine andere umfangreiche und frei zugängliche Sammlung von umgesiedelten und zerstörten Ortschaften in Deutschland. Die Verzeichnung der aktiven Tagebaufelder auf der Karte basiert auf Open Street Map Daten.
Visualisierung
Die genaue Verortung der abgebaggerten Ortschaften war nicht für alle Ortschaften möglich. Deshalb wurden die Ortschaften anhand der Koordinaten der Tagebaue, denen sie weichen mussten verortet. Die Platzierung der Ortschaften innerhalb eines Tagebau-Kreises auf der Karte hat dabei keine Bedeutung. Die Visualisierung der Karte wurde mithilfe von Mapbox und React umgesetzt.
Warum
Schleenhain
Rusendorf
Spenrath
Deumen
Streckau
Großdeuben
verschwand
Eine kurze Geschichte über den Tagebau in Deutschland und seine Opfer.

Schon seit dem 17. Jahrhundert entstehen in Deutschland Gruben für den Kohleabbau.[1] Im Zuge der Industrialisierung erfuhr der Tagebau einen regelrechten ‘Boom’ und die Gruben wuchsen so stark, dass dafür die ersten Dörfer weichen mussten.[2] Die Zerstörung von Ortschaften und die Umsiedelung ihrer Bewohner*innen sind bis heute gängige Praxis.

Dabei sind die Bewohner*innen gezwungen ihre Grundstücke von Gutachter*innen bewerten zu lassen und sie an den Kohlekonzern zu verkaufen. Weigern sie sich, können sie zwangsenteignet werden.[3] Dieses Projekt macht die teilweise und vollständig abgebaggerten Ortschaften und die zugehörigen Tagebauten wieder sichtbar. Die Daten dazu beruhen auf zwei Listen. Beginnen wir mit einer Übersicht der Reviere.

Die Reviere

In der Geschichte des Braunkohletagebaus entstanden in Deutschland mindestens 78 Tagebauten, für die Ortschaften weichen mussten. Sie sind auf der Karte verzeichnet. Lass uns die drei größten Tagebaureviere, in denen bis heute Kohle abgebaut wird, genauer betrachten:

Das Rheinische Revier im Städtedreieck Aachen, Köln, Mönchengladbach wird heute ausschließlich von RWE betrieben. Das Revier beinhaltet die drei großen noch aktiven Tagebau Garzweiler, Hambach und Inden.[4]

Im Mitteldeutschen Braunkohlerevier entstand bereits 1698 die erste Kohlegrube in Müncheln/Braunsbedra. Insgesamt wurden hier über 120 Ortschaften teilweise oder vollständig abgebaggert. Heute betreiben MIBRAG und ROMONTA insgesamt noch drei Tagebaue.[4]

Die aktiven Tagebaue im Lausitzer Revier im südosten Brandenburgs werden von LEAG betrieben.[4]

Neben diesen Revieren zeigt die Karte auch Tagebauten aus dem Helmstedter Revier, dem Oberpfälzer Revier und Tagebauten der SDAG Wismut, die allesamt nicht mehr in Betrieb sind.

Erste Umsiedelungen

Zu den ersten Ortschaften, die (laut den zugrundeliegenden Daten) von einer Umsiedelung betroffen waren, gehört Rusendorf im Mitteldeutschten Braunkohlerevier. Das Dorf wurde zwischen 1927 und 1933 für den Tagebau Phönix-Falkenhain abgebaggert. Ca. 150 Bewohner*innen wurden umgesiedelt. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden rings um Rusendorf Tagebaue errichtet, wodurch das Dorf nur noch über Umwege zu erreichen war. Nachdem 1927 die ersten Familien das Dorf verließen, wurde die Gemeinde 1932 nach Falkenhain eingemeindet.[5]

rusendorf
Gedenkstein in der Nähe der alten Ortslage [Bild 1]

Heute befindet sich an der Stelle des Dorfes der Rusendorfer See der im Zuge der Renaturierung des Gebiets entstand. Ein Gedenkstein in der Nähe des alten Ortsflurs erinnert an das Dorf.

Zwangsarbeit in Espenhain

Ab 1937 entstand in Espenhain ein Braunkohletagebau um die Kriegsmarine der Nazis mit Schwer-, Heiz- und Dieselöl zu versorgen. Ab 1938 kamen die ersten Zwangsarbeiter*innen nach Espenhain. Fortan gab es große Unterschiede in der Behandlung der Arbeiter*innen.

Die rassistische Hierarchisierung stellte deutsche Staatsangehörige an oberste Stelle, danach kamen Menschen aus verbündeten Staaten, Kriegsgefangene und Arbeitskräfte aus dem Westen und schließlich Menschen aus Ostmittel- und Osteuropa sowie sowjetische Kriegsgefangene und Arbeitserziehungslagerhäftlinge. Diese arbeiteten häufig unter lebensbedrohlichen Bedingungen.[6]

espenhain
Tagebau Espenhain [Bild 2]

In den Wohnlagern rund um Espenhain wurden Frauen aus Frankreich und Polen zur Prostitution gezwungen. Insgesamt verstarben mindestens 285 Menschen in den Lagern. Einen detaillierten Artikel über die Zwangsarbeit in Espenhain findest du hier. Der Tagebau wurde 1996 schließlich stillgelegt. Heute befindet sich im Restloch des Tagebaus der Markkleeberger und Störmthaler See.[7]

Tagebau in der DDR

Später wurde der Tagebau Espenhain für die DDR relevant. Wie im gesamten Mitteldeutschen und Lausitzer Revier wurde der Kohleabbau ausgeweitet und zahlreiche Dörfer umgesiedelt. Alle 20 Ortschaften die dem Tagebau Espenhain zum Opfer fielen, wurden zu DDR-Zeiten abgebaggert. Da viele Bürger*innen von der Arbeit in den Kohlegruben abhängig waren, regte sich nur selten Widerstand gegen die Umsiedelungen. Ende der 80er Jahre wurden Umweltthemen jedoch relevanter und der Druck auf die Regierung wuchs.[8]

Sternmarsch Cospuden
Sternmarsch gegen den Tagebau Cospuden 1990 [Bild 3]

So konnte Beispielsweise der Ausbau des benachbarten Tagebaus Cospuden kurz nach Mauerfall durch die Widerstandsbewegung gestoppt werden. Bei einem Sternmarsch 1990 kamen über 10.000 Menschen zusammen.[9]

Nebelschwaden und Mondlandschaften

Die Ausdehnungen von Braunkohletagebauen und die damit einhergehende Umweltzerstörungen sind oftmals gewaltig. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist der Tagebau Hambach im Rheinischen Revier. Er besitzt die größte Braunkohlegrube Europas und erstreckt sich heute über rund 44km².[10] Das entspricht der Fläche von über 6.000 Fussballfeldern.

Tagebau Hambach zwischen 1985 und 2020

Seit sich 1978 die “Hambachgruppe” gründete gibt es immer wieder Protestbewegungen gegen den Tagebau Hambach. Diese richteten sich sowohl gegen die Umsiedelung von Dörfern als auch gegen die Umweltschäden durch CO², Feinstaub, wasserwirtschaflich-ökologische Langzeitfolgen und die Abholzung von Waldflächen.[11] Warum insbesondere Braunkohle so schlecht für das Klima ist, kannst du hier nachlesen.

Aktuelle Kämpfe

Der Kampf gegen Umsiedlungen und die Klimaschäden durch Tagebau hat in Deutschland Tradition und beginnt schon Ende des 19. Jahrhunderts.[12] Im Zuge der Klimakrise erhöht sich der Druck auf die Politik den Abbau von Kohle zu stoppen. Neue Bewegungen wie “Fridays for Future” treten auf die Bildfläche. Einen besonderen Fokus auf den Kampf gegen die Umsiedlung von Dörfern durch Tagebau setzt das Bündnis “Alle Dörfer bleiben”. Auf ihrer Website befindet sich eine Übersicht über die derzeit umkämpften Dörfer.[13] Darunter befinden sich auch neun Dörfer die aktuell vom Tagebau Garzweiler oder von dessen Grubenrandlage bedroht sind. Damit wurde er in der Vergangenheit häufiger Ziel von Protestaktionen. So versuchten Demonstrant*innen bei einer Aktion der Bewegung “Ende Gelände” 2019 den Tagebau zu besetzen.

360-Grad Video von der Ende-Gelände Aktion 2019

Bei der Aktion im Folgejahr waren die Demonstrant*innen bei der Besetzung erfolgreich und blockierten mehrere Kohlebagger.[14] Informationen zur Teilnahme an Protestaktionen findest du auf den Websites der genannten Gruppen.

Alle Dörfer

Das war nur ein kleiner Einblick in die Geschichte des Deutschen Tagebaus. Wenn du erfahren möchtest welche weiteren Dörfer den Baggern weichen mussten, kannst du die Karte selbst erkunden.

Einleitung
Reviere
Dörfer
Umwelt
Kämpfe
eine zerstörte Ortschaft
20 zerstörte Ortschaften
Tagebau